Steige in München ein und beobachte, wie Beton schwindet und die Isarauen auftauchen. Hinter Murnau eröffnet sich das Murnauer Moos, dann wachsen Wände aus Fels. Kurz vor Mittenwald flirrt das Karwendel wie eine Bühne, während die Fenster plötzlich riesige Felskulissen rahmen.
Zwischen Kempten, Sonthofen und Oberstdorf entfalten sich saftige Matten, Heustadl und Bachläufe, die wie Silberfäden funkeln. Züge klettern behutsam, sodass Gipfel unvermittelt über Weiden aufragen. Ein bewölkter Tag schenkt dramatische Wolkenfenster, ein klarer Morgen zeichnet messerscharfe Konturen bis zum Nebelhorn.
In Mittenwald verweben Werkstätten den Duft von Holz mit klarer Bergluft. Ein kurzer Spaziergang vom Bahnhof führt zu Schaufenstern voller handgefertigter Geigen. Als ich dort eine Probe hörte, schien die Karwendelwand mitzuschwingen, als hätte der Fels selbst Resonanzräume im Inneren.
Ein erfahrener Lokführer erzählte, wie der Föhn die Sicht auf die scharf geschnittene Zugspitze plötzlich frei pustet. Dann wirken Distanzen kleiner, Täler heller, Farben härter. Wer solche Tage erwischt, spürt in jedem Wagenmeter einen feinen, elektrisierenden Hauch von Aufbruch und Leichtigkeit.
Im Regionalzug nach Oberstdorf saß mir ein Kind gegenüber, das Gipfel mit Filzstiften skizzierte. Als der Zug eine enge Kurve nahm, rief es entzückt die Namen, die ihm der Großvater beigebracht hatte, und plötzlich erklärte der ganze Wagen lächelnd, wo Süden und Westen liegen.





